Ende gut – alles gut ??

Adelaide (South Australia), 27. Mai 1998

Ja, der Dreck in den Fingern bleibt mir weiterhin treu. Nicht dass mir jeden Tag alles schief geht, aber irgendwie ist in den letzten Wochen total der Wurm drin! Nichts macht mir Freude und überall habe ich den Eindruck, dass mir neue Steine in den Weg gelegt werden. Besonders bei meiner letzten Verschiffung! Wenn man da keine graue Haare bekommen soll! Da geht wirklich alles schief was nur schief gehen kann. Murphy lässt grüßen! Ich hoffe nur, dass der Container mit dem Sandfloh heil in Antwerpen ankommt!

Vor vier Wochen war ich ja wieder nach Melbourne gerollt, um von dort aus direkt zu verschiffen. Doch ich hatte meine Rechnung ohne die Hafenarbeiter gemacht. Die waren nämlich seit Wochen im Streik – im Grunde nichts ungewöhnliches in down under. Es ging offenbar darum, dass auch gewerkschaftsfreie Arbeiter auf den Docks zugelassen werden sollten, das aber wollte sich die Hafenarbeitergewerkschaft nicht bieten lassen. Dazu wurden auf einen Streich noch sechshundert Arbeiter gefeuert, um gegen freie ausgetauscht zu werden. Das heizte die Stimmung im ganzen Land mächtig an und kaum ein Hafen war davon nicht betroffen. Melbourne war das Zentrum des Arbeitskampfes! Demzufolge konnte von einer planmäßigen Verschiffung nicht die Rede sein. Alles lief krumm, die Schiffe der msc, auf die ich gebucht hatte, wurden umgeleitet oder hatten unbestimmte Verspätung. Der einzige Ausweg, der sich anbot, war Adelaide, da hier alles halbwegs normal lief.

Am Montag (27.4.) rollte ich also wieder gen Westen, um in Adelaide die Verschiffung anzugehen. Die Gegend war eintönig und langweilig, wenn auch die Fahrerei flott vonstatten ging. Vom Getriebe war plötzlich nichts mehr zu hören, statt dessen war’s der Auspuff, der lautstark auf sich aufmerksam machte. Wahrscheinlich war sogar er von Anfang an der Bösewicht gewesen, und meine Ängste um ein defektes Getriebe waren völlig überzogen. Nun rasselte der Auspufftopf im Zugbetrieb, aber das konnte mir die Stimmung nicht weiter verderben! Hätte ich das mit dem Getriebe und der Verschifferei ex Melbourne nur früher gewusst! Dann hätte ich doch den berüchtigten, aber im Vergleich zum Gunbarrel Highway richtig aufgeräumten Birdsville-Track fahren können, der mich mitten durchs Outback direkt von Brisbane nach Adelaide gebracht hätte. Wenigstens hätte ich dabei einen neuen Landesteil - das channel-country – durchqueren können. Doch so rollte ich die altbekannten, langweiligen Straßen zurück nach Adelaide.

Dort erwartet mich allerdings gleich der nächste Stolperstein: die Verladung. Ich hatte ja den ganzen Sandfloh daraufhin ausgelegt, dass er auf ein 20-Fuß-Flat-Rack passt. Aber der Verlademeister ist skeptisch und wir messen eine ganze Stunde hin und her. Resultat: er passt darauf, aber nur, wenn die Endwände heruntergeklappt sind, was dann als bolster bezeichnet wird. "Das wird ein paar Dollar mehr kosten!" warnte er mich und ich muss msc um einen neuen Preis fragen, den Paul mir aber nicht gleich nennen kann. Aber das Schiff, auf das ich gebucht war, hat so wie so Verspätung, also keine Eile. Noch ausreichend Zeit, die Tour entlang der Ghan-Railway zu machen, die mir D. auf der Herfahrt verleidet hatte. Den Oudnadatta Track.

Und mit jedem Kilometer, den ich zurück in die Wüste rolle, bessert sich meine Laune zusehends. Es ist, als ob ein Druck von mir genommen wird. Endlich weg aus den Städten, endlich wieder Weite, Raum. - Den Horizont sehen.

Es war, als ob ich nach langer Zeit wieder nach Hause komme!

Der gefürchtete Track erweist sich als prima Piste (fast ohne Wellblech) und ich kann viele alte Bahnstationen noch einmal abklappern, an denen ich vor zehn Jahren meine persönlichen Abenteuer erlebt hatte. Doch wieder zu erkennen ist keine davon, zu viel hat sich in der Zwischenzeit getan. Ja, es wohnen sogar Leute hier draußen und haben inzwischen ein Hotel mit Camp eingerichtet! Selbst das Outback ist inzwischen vor der Zivilisation nicht mehr sicher! Wo soll man denn noch hin, um ihr zu entrinnen??

Bei Marree am Nordende der Flinders Ranges suche ich mir einen netten Platz, weitab der Straße in den Dünen und beginne, die Zeit zu nutzen. In den vergangenen Wochen hatte ich ja schon ein paar Mal über mein Leben nachgedacht und die Gedanken zu Disk gebracht. Und das Werk - so hatte ich mir vorgenommen - muss vor der Verschiffung halbwegs fertig gestellt sein. Wenn ich erst wieder in Deutschland bin, werde ich kaum Zeit finden, mich ein paar Tage in mich selber zurückzuziehen und so konzentriert nachzudenken wie ich es dort in der Wüste kann.

Als ich msc von Port Adelaide aus anrufe, um nach den neuen Terminen zu fragen, erzählt mir Paul, dass das Schiff am 19.05., auf das ich ursprünglich gebucht war, leider schon voll ist, das nächste Schiff Richtung Europa aber erst am 27.05. geht. Damit wird die Zeit wirklich knapp, denn am 31.05. läuft mein Carnet aus und am 05. Juni mein Visum. Na gut, dann eben noch eine Woche Urlaub dranhängen! Also wieder ab in die Wüste, wenigstens ein bisschen erholen. Dort ist auch noch genug Zeit für die letzten Kapitel meiner Geschichte, bevor ich einen Probedruck von Stapel lasse, der allein einen ganzen Tag kostet. Und einen Großteil der folgenden Nacht. Aber wenigstens bin ich so weit fertig, wie ich es mir vorgenommen hatte und kann im Flieger bzw. In Adelaide probelesen und verbessern!

Einzige Abwechslung in den zwei Wochen Alleinsein ist ein heftiger Wolkenbruch mitten in der Wüste, der für einen Abend das Sandmeer in eine richtiggehende Flusslandschaft verwandelt. Dazu eine herrliche Beleuchtung der Regenwolken durch die untergehende Sonne und hoffentlich ein paar eindrucksvolle Fotos. Ansonsten war das Wetter eher kühl und nur in den Mittagsstunden konnte ich mich im Adamskostüm in die Sonne legen. Aber dann fraßen mich die Fliegen schier auf. Es war zum davonlaufen. Aber die Alternativen sahen nicht besser aus!

Langsam habe ich auch wieder Sehnsucht nach Menschen. Ja, auch so etwas gibt’s bei mir! Nicht so deutlich wie vor zehn Jahren, als ich auf dem gleichen Weg nach Adelaide rollte, aber doch merklich. Entsprechend gut ist meine Stimmung, als ich am 19.05. in Adelaide einrolle, um ab dem Zwanzigsten die Verschiffung endgültig auf die Reihe zu bringen!

Doch wieder mal macht mir msc einen Strich durch die Rechnung: das neue Schiff am 27. fährt nun nicht mehr über Adelaide, sondern nur ab Melbourne! Schweren Herzens entscheide ich mich, auf das nächste zu warten und meinen Flug wieder einmal zu verschieben, inzwischen zum dritten Mal. Im gleichen Atemzug erzählt mir Paul dann auch, dass die Verladung des 20-Fuß-bolsters zirka 1800 Dollar mehr kostet als das Flat-Rack, fast der doppelte Preis! Und das nur, weil die Endwände heruntergeklappt sind! Es ist zum aus der Haut fahren. In der Verschiffung steckt tatsächlich der Wurm! Von Anfang an!

Für den Preis habe ich natürlich noch Tausend Ideen, wie man den Sandfloh doch noch auf das Flat-Rack bugsieren könnte. Und wenn ich alles abmontieren muss, was nicht niet- und nagelfest ist! Die ganze Nacht wälze ich Gedanken und mache Skizzen, wie es gehen könnte. Doch der Ortstermin am nächsten Tag bringt die endgültige Ernüchterung! Man kann das Maßband halten wie man will, der Sandfloh passt nicht auf das Flat-Rack. Nicht einmal wenn ich den Rucksack und die gesamte vordere Stoßstange abmontiere! Bleibt als Alternative die bolster-Geschichte, bei der ich gar kein gutes Gefühl habe. Oder Ausweichen auf ein 40-Fuß-Flat-Rack. Ich hätte mich wirklich in den Hintern beißen können! Warum habe ich das nicht vor der Konstruktion des Sandfloh genauer abgeklärt? Zehn Zentimeter, um die es beim 20-footer geht, hätten mir dabei nicht wehgetan, aber jetzt ein paar Tausend Dollar gespart. Mist!! Wieder kann ich die halbe Nacht nicht schlafen. Jedenfalls ist für die Zukunft nur noch Ro/Ro-Verschiffung angesagt!

Wie erwartet nennt mir msc für das 40-Fuß-Rack nahezu den doppelten Preis wie für das 20-Fuß-Rack (4000 AUD anstatt 2100 AUD, jeweils +7,65% Währungsanpassung). Das ist zwar nochmals dreihundert Dollar teurer als die Verladung per bolster, aber wie gesagt, bei der Geschichte hatte ich gar kein gutes Gefühl: da hätte ein Sondergeschirr gebaut werden müssen, vermutlich aus Ketten, die dann im Millimeterabstand am Sandfloh verlaufen wären und mir möglicherweise die Kabine vorn oder hinten ruiniert hätten - Inzwischen weiß ich ja, wie gefühlvoll die Kranfahrer bei so etwas sind! Jedenfalls entschliesse ich mich für das 40-Fuß-Flat-Rack, was mir auch die Demontage des Rucksacks und das windige Gestell über dem Fahrerhaus erspart. Trotzdem wird die Verladung auf das Rack noch ein Abenteuer für sich werden, wenn auch eines, dessen Ausgang halbwegs klar ist.

So bin ich zwar ein bisschen aufgeregt, was die nächsten Tage so bringen, aber nicht mehr so ängstlich, wie ich das gewesen wäre, wenn ich den Sandfloh auf dem bolster verschickt hätte. Sogar einen Platz unter Deck hat mir Paul in Aussicht gestellt, wenn auch nicht versprochen. Mal sehen … Obwohl das Schiff erst am 02.06. oder 03.06. fährt, muss ich den Sandfloh schon morgen, spätestens am Freitag abgeben, da hat keiner mit sich reden lassen.

Überhaupt kommen mir die Leute hier drüben (im Vergleich zu W.A.) ziemlich engstirnig vor, jedenfalls kein Vergleich zu vor zehn Jahren. Selbst eine Einheimische, mit der ich gestern im Waschraum sprach, bestätigt mir meinen subjektiven Eindruck, dass die Aussies in den letzten Jahren recht zugeknöpft und engstirnig geworden sind. Warum das so ist, kann sie aber auch nicht erklären, schiebt es aber bis zu einem gewissen Grad auf den Zuzug der Ausländer, v.a. Asiaten. Ich frage mich nur, wie das in Deutschland werden soll, wenn ich die Aussies schon als engstirnig bezeichne. Ein netter Ausdruck aus Südafrika kommt mir in den Sinn: Tunnelvision.

So sitze ich nun hier auf dem Camp von Adelaide und habe die letzten Aufgaben fast gemeistert. Eine Reise neigt sich damit dem Ende zu, die unterm Strich doch sehr interessant und aufregend war, wenngleich ihr der besondere Kick, das Abenteuer der ersten Reise gefehlt hat. Besonders hier unten in den all zu zivilisierten Ländern Südafrikas oder Australiens.

Mich Sicherheit wird es nicht meine letzte derartige Reise gewesen sein. So schlimm war’s nun doch wieder nicht! Wenn ich erst wieder ein paar Wochen zu Hause, im engen Deutschland bin, wird mich sehr bald wieder das Fernweh packen und ich werde den Sandfloh wieder satteln, um wieder neue, und hoffentlich aufregendere Länder kennen zu lernen.

Das nächste halbe Jahr allerdings sind erst einmal die Nachbereitungen dieser Reise zu meistern: achteinhalb Tausend Dias haben sich angesammelt, die gesichtet und zu einer Diashow zusammengestellt werden wollen. Daneben ein paar Berichte für die Zeitschriften schreiben – und dann gibt’s da noch dieses neue Medium – Internet -, das sicher eine passende Plattform für meine Bilder und Berichte abgibt. Mal sehen, wie dort die Resonanz ist.

Daneben muss ich den Sandfloh wieder auf Vordermann bringen – und schliesslich brauche ich auch wieder einen neuen Job, von Erinnerungen allein wird man ja nicht satt. Und das wird gar nicht so einfach werden!

Aber es wird auch wieder eine Zeit kommen, wo der Sandfloh vor der Türe steht und wir gemeinsam zu neuen, unbekannten Horizonten aufbrechen werden – und dann ist vielleicht sogar eine nette Beifahrerin mit von der Partie.